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Keine Angst vor Faust!

22. September 2011 von Theater Magdeburg

Es gibt gewichtige Gründe, sich vor einer Faust zu fürchten. Zumindest wenn ein Exemplar dieser fünffingrigen Gattung aggressiv und drohend unterhalb des eigenen Nasenbeins zuckt und kurz davor ist, sich explodierend den Weg nach vorn zu bahnen. Vor dieser Art von Faust zurückzuschrecken – wer könnte das verdenken? Dem literarischen »Faust« hingegen kann man locker und ohne Berührungsängste begegnen, auch und gerade der Fortsetzung, »der Tragödie zweiter Teil«. Denn: was gibt es zu verlieren?

Seit Generationen scheint’s wird »Faust 2« nun mit dem philologischen Gummihandschuh angefasst, als wär’s der ungestalte Sonderling unter den deutschen Dramen, der nach einer Extrabetreuung verlangt. Angeschaut vom Fachpublikum wie ein verrutschtes Insekt unterm Vergrößerungsglas, wird getuschelt, wenn er vorbei geht, es wird sich geduckt und geunkt, was mit diesem Ding nicht in Ordnung sei. Dabei ist die Wahrheit ergreifend schlicht:
»Faust 2« ist größer als wir.

Und weil das so ist, kann man sich nach Herzenslust hineinbegeben in das irre Gewühl von Sagen, Mythen und Wesen, in das schier unauflösbare Geflecht von Zusammenhängen, Geschichten und angetippten Bedeutungen, in das Labyrinth von irrlichternden und hochgeistigen Theoremen. Man kann »Faust 2« nicht auflösen, man soll es nicht können – warum also sollte man es wollen? Und wenn man sich schließlich von der (im besten Sinne: faustschen) Entschlüsselungswut losgesagt hat, kann man sich dem widmen, was am meisten Spaß macht: dem Suchen und dem Spielen.

Es ist ein Stolpern auf den Proben, dass es eine Freude ist. Bei den Textproben zu Beginn der Arbeit sitzt das ganze Spielensemble gemeinsam am Tisch und klopft Szene für Szene, Satz für Satz, Wort für Wort nach Sinn und Inhalt des Geschriebenen ab. Nicht selten vergehen Stunden, in denen über eine Konjunktion diskutiert wird, die vom alten Goethe natürlich so gesetzt und aufgeladen ist, dass sie die Aussage eines ganzen Monologs grundlegend beeinflusst. Inhaltsscheue Gemüter werden hier auf eine harte Belastungsprobe gestellt, immer wieder wird mit neuem Anlauf auf das geschriebene Wort losgerannt, nicht immer werden alle Fragen beantwortet, im Gegenteil, es werden immer nur mehr. Wie in einem dieser Plastikballbecken für Kinder. Je tiefer man taucht, desto bunter wird es.

Es gibt keine stringente Handlung, es wird keine abgeschlossene Geschichte erzählt, kein hübscher Cursus fädelt sich entlang eines Spannungsbogens. Jeder Akt steht mehr oder weniger für sich, beackert ein Feld, erschafft eine Welt. Für die Schauspieler bedeutet das, dass sie sich nur schwer eine „klassische“ Figurenbiographie erarbeiten können, dass sie in einem Akt eine Figur spielen, die weder davor noch danach wieder auftaucht.

Helena beispielsweise: von ihr ist ab Stückbeginn die Rede, sie taucht aber erst (und nur) im 3. Akt auf. Für Christiane-Britta Boehlke, die sie spielt, bleibt also genügend Zeit vorher noch eine mythische Gestalt in der Klassischen Walpurgisnacht darzustellen, sowie am Ende des Stücks einen Engel. Oder Wagner, der gelehrige Schüler Fausts aus dem ersten Teil. Er darf nur im 2. Akt einmal mitspielen, Darsteller Silvio Hildebrandt übernimmt im Verlauf des Abends noch zwei weitere Rollen, die des Meeresgottes Nereus sowie die von Philemon. Bis auf Jonas Hien (Faust) spielt jeder der elf Darsteller mehrere Rollen, anders wäre »Faust 2«, selbst in der hiesigen Strichfassung, logistisch kaum zu bewältigen.

Doch auch Jonas Hien, dessen Figur von Beginn bis zum Ende des Stückes da ist, hat es – technisch gesprochen – nicht einfach. Jeder Akt beginnt neu, die Erfahrungen der vorangegangen Akte spielen zwar in die Rolle mit hinein, dennoch startet Faust fünfmal aus der Hocke, muss nach oben schnellen, losrennen und kommt dann nicht etwa im Ziel an, sondern nur am Ende des jeweiligen Aktes. Und weil das noch nicht kompliziert genug ist, spielt Jonas Hien nicht nur Faust, er spielt zugleich noch den Schauspieler, der den Faust spielt, mit Textbuch und Begleitmaterial auf der Bühne.

Es ist ein Genuss, sich mit einer Überforderung auseinanderzusetzen, sich mit etwas so viel Größerem, als man es selbst ist, zu streiten. Natürlich nicht immer. Es gibt genügend Proben, in denen Frustration in der Luft liegt. Sowohl Regisseur wie auch die Spieler gelangen von Zeit zu Zeit an ihre Grenzen, und die zu erkennen macht nur selten Spaß. Dennoch: die Punktsiege, die man erringt, wenn man dem übermächtig Scheinenden wieder ein Stück Sinn und Wahrheit abgetrotzt hat, begeistern. Es sind Millimetergewinne und sie machen Lust auf mehr. Es ist das, was Kinder antreiben muss, die Laufen lernen. Der Wille, noch einen Schritt zu schaffen. Und noch einen. Bis zum nächsten Haltegriff.

Es ist nicht auszuschließen, dass das Gefühl der Überforderung auch beim Ansehen von »Faust 2« eintritt. Möglicherweise ist es so, als sähe man einen Film in einer fremden Sprache. Doch wenn man sich die Mühe macht und dran bleibt, wird man nach einer Weile feststellen, dass man beginnt Dinge zu verstehen. Dass man Figuren anfängt zu mögen, ohne dass man sagen könnte, warum, dass man ihre Handlungsweisen nachvollziehen kann. Und dass man ein Interesse dafür entwickelt, was man sieht. Wir arbeiten in unserer Inszenierung mit Überschriften, die auf die Bühne projiziert werden. So weiß jeder (nicht zuletzt die Schauspieler) in welcher Szene, an welchem Ort und in welcher Zeit wir gerade sind.

Für alle, die dennoch zweifeln, ob »Faust 2« das Richtige für sie ist, haben wir ein kleines Programmheft entworfen. Darin wird auf wenigen Seiten, in knappen, klaren Sätzen und ausdrucksstarken Probenfotos, versucht zu erläutern, worum es uns in der Arbeit mit dem Stück geht. Wie gesagt – versucht. Denn »Faust 2« ist größer als wir. Vielleicht sogar größer als Goethe es sich ausgemalt hat.

Neugierig geworden? Hier geht’s zu den Terminen!

Holger Radke, Dramaturgieassistent

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