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Kreislauf der Angst

18. April 2011 von Theater Magdeburg

Interview mit Regisseurin Aniara Amos

Aniara Amos, »Der Freischütz« geht auf ein Schauermärchen zurück, das die Faszination böser Mächte beschreibt. Wie stark ist Carl Maria von Weber in seiner Oper davon beeinflusst?

Alle Figuren in Webers Oper – von Max über Agathe, Kaspar und Kuno bis hin selbst zu Ännchen – sind von Ängsten beherrscht, ja, die gesamte Gesellschaft

ist von ihnen getrieben und kommt aus dem Kreislauf der Angst nicht heraus: Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Verlust des Geliebten, Angst vor dem Bösen usw. Aber diese Ängste werden die meiste Zeit der Oper nicht offen gezeigt, sie wirken im Verborgenen. Das Grauen des Alltags ist immer da, auch in der scheinbar harmlosen Feierstimmung. In diesem Zusammenhang kommt auch der Wald ins Spiel, den Weber ja so beispielgebend in Musik gesetzt hat: Der Wald – zumal der Wald zum Beginn des 19. Jahrhunderts – ist undurchschaubar, man kann ihn nicht überblicken. Wenn man in ihm steckt, kann man nicht hinausblicken, wenn man draußen steht, kann man nicht hineinsehen. Genau zu der Zeit, in der der Wald noch so gefährlich für jeden Reisenden war, entwickelt sich aber auch die Faszination an seiner Dunkelheit und Gefahr. Dichter wie E. T. A. Hoffmann, William Blake und selbst Charles Dickens vertieften sich in diese dunkle, schaurige Seite der Romantik. »Der Freischütz« bildet eine Brücke zwischen dem volkstümlichen Schreckensmärchen des 18. Jahrhunderts und der düsteren Welt eines Edgar Allan Poe und kreiert den Wald als psychologische Metapher für das Schützende und Bedrohliche gleichermaßen.

Wie deutet Webers Musik für dich die Geschichte?

Dreh- und Angelpunkt des Werkes ist die Wolfsschlucht-Szene, auf die Weber besonders viel Gestaltungskraft verwendet. Wie in einem Zerrspiegel spiegeln sich hier die unterdrückten Begierden, Ängste und Schuldgefühle, die die Menschen auch in den beiden anderen Akten umtreiben. In der Wolfsschlucht bricht sich auch musikalisch das Verdrängte Bahn. Viele Elemente der schönen Tagwelt tauchen als dunkle Kehrseite in der Wolfsschlucht wieder auf. Das löst beim Miterleben dann auch wirklich Ängste aus, die von überkommenen Mitteln der Theatermaschinerie (wie Plastik-Eber oder rollenden Feuerrädern) nicht – mehr – in uns hervorgerufen werden können.

Dieses musikalische Feuerwerk des Schreckens ist aber nicht wirksam ohne die heitere musikalische Kehrseite, das Tragische kann ohne das Heitere und Leichte nicht wahrgenommen werden. Nicht umsonst ist der »Freischütz« eine der wichtigsten deutschen Opern überhaupt. Aber wie Schuberts Lied vom »Lindenbaum« wird auch in Webers Oper die düstere musikalische und inhaltliche Kehrseite der naiven Volkskunst von Jägerchören und volksliedhaften Arien gern aus dem Blick verloren.

Welche Figuren interessieren dich in der Geschichte am meisten?

Im Zentrum stehen für mich Max und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft des Dorfes. Der Probeschuss ist ein unmissverständliches Zeichen für seine Initiation in die Gesellschaft. Es geht ja nicht nur darum, Agathe heiraten zu können, sondern um Max’ vollwertige Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Max muss normiert werden, er muss sich in die Gesellschaft einfügen. Als Belohnung winkt die Heirat mit seiner Geliebten. Unter diesem massiven Druck ist er bereit, in der Wolfschlucht seine Unschuld, seine kindlich, naive Seele zu verlieren. Wie weit muss er gehen, um den Normen der Gesellschaft gerecht zu werden? Denn Samiel, der Inbegriff des Bösen, steckt in uns allen, genauso wie das Göttliche, das Heil bringende.

Auch Agathe ist eine Außenseiterin in dieser Gemeinschaft. Im Gegensatz zu Max aber zieht sie sich zurück, in eine innere Emigration.

»Der Freischütz« ist eine der bekanntesten deutschen Opern überhaupt. Welchen Einfluss hat dies auf deine Regie?

Die besondere Herausforderung besteht darin, dass man sich von der großen und bedeutenden Aufführungstradition nicht verrückt machen lassen darf. Ich habe mich mit Text und Musik genauso intensiv und ernsthaft beschäftigt wie bei jeder anderen Oper und versucht, mich nicht unter Druck setzen zu lassen. In einer Inszenierung können nie alle Facetten eines Werkes zum Ausdruck kommen, das ist ja gerade das Schöne daran! Ich habe versucht, aus dem »Freischütz« das herauszuarbeiten, was mir wichtig erscheint, ohne Absolutheitsanspruch. Das Erleben von Opern ist ja dadurch spannend, dass immer wieder andere Aspekte eines Werkes in den Vordergrund rücken und man dadurch immer wieder neue Tiefen desselben Stückes ausloten kann!

Du zeichnest nicht nur für die Regie, sondern auch für die Bühne verantwortlich.

Es ist ja wichtig, dass Regiekonzept und Bühnenbild »auf einer Wellenlänge« entstehen. Deshalb habe ich bereits oft beides zusammen entwickelt. In unserer Inszenierung ist der Raum wie ein weiterer Darsteller, er gibt und nimmt. Er ist so stark und präsent, dass die Figuren gar nicht umhin kommen, sich zu ihm zu verhalten. Es ist ein geschlossener Zwangsraum, der sich aber verändern und öffnen kann. Er kann sowohl Innenraum als auch Außenraum sein, sodass die Darsteller zwischen beiden Perspektiven schnell hin- und herwechseln können. Für die Entwicklung eines Bühnenraumes kommen mir beim Hören der Musik erste Assoziationen; die Musik inspiriert Farben Material und Form, natürlich gemeinsam mit szenischen Konzepten. Für die Kostüme, die von Maria-Elena Amos (meiner Mutter) entworfen werden, ist wichtig, dass inhaltlich aus den Figuren heraus entwickelt und nie nur einfach dekorativ entworfen werden.

Die Fragen stellte Ulrike Schröder

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